Geschichte  der  Zäller Wiehnacht 

Wie die Zäller Wiehnacht entstand

Aus dem Buch O mein Papa von P. Flury und P. Kaufmann ist zu entnehmen, dass kurz nach Paul Burkhards Einzug in Zell die Gattin eines Fabrikbesitzers, der Pfarrer und ein junger Lehrer unabhängig voneinander Paul Burkhard gebeten haben, für die Schülerweihnacht etwas zu komponieren. Aus der kleinen Anfrage sei etwas Grosses entstanden, denn wenn er schon etwas mit den Dorfkindern aufführen würde, sollte es ein richtiges Spiel werden: "Man wollte meinen kleinen Finger, und ich gab gleich meine beiden Hände!" Mit der Probenarbeit sei bereits begonnen worden, obwohl Manuskript und Musik noch in Arbeit waren. Paul Burkhard habe realisiert, dass die Sprache des Spiels die Sprache der damaligen Jugend sein müsste. Er habe gesagt: "Mir schwebte etwas vor, das weit weg war vom normalen, üblichen Weihnachtsspiel mit Heiligenschein und Engelsflügelchen, süsslichen Kostümen und feinen Redensarten, wo vor lauter "Poesie" der Kern der Sache nicht einmal gestreift wird (...)" Burkhard habe intuitiv gemerkt, dass die Kinder als sie selber in die Rollen zu steigen hätten und sich darin in ihrer Sprache und ihren Alltagskleidern finden müssten. Nicht nur Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene haben mitmachen dürfen, auch Musiker aus dem Dorf seien zum Mitspielen eingeladen worden.

Quelle: O mein Papa, Philipp Flury / Peter Kaufmann, erschienen im Verlag SpectraMotion AG, 8200 Schaffhausen und ist empfehlenswert.

Am 27. November 1960 wurde die Zäller Wiehnacht uraufgeführt. Das Spiel wurde vom Radio und Fernsehen aufgezeichnet. Das Publikum war begeistert und das Presseecho überwältigend. So erstaunt es nicht, dass die Zäller Wiehnacht in der Folge von verschiedensten Gruppierungen auch aufgeführt wurde und heutzutage immer noch wird. Die Zäller Wienacht gilt unterdessen sicherlich als  das bekannteste Schweizer Krippenspiel.

Zäller Wienacht nach  über 60 Jahren

Kann dieses Werk heutzutage noch aufgeführt werden?

Diese Frage musste zu Beginn sich das Kreativteam, das die Zäller Wiehnacht in Grüningen verantwortet, durchaus gefallen lassen. Selbstverständlich kann das Stück auch ein halbes Jahrhundert später noch gespielt werden, vor allem, weil die Lieder unterdessen buchstäblich "Kulturgut" geworden sind und einige sogar in Kirchgesangbüchern als offizielles Gemeindelied aufgenommen wurden.

Und mindestens drei Generationen von Erwachsenen geraten ob den Liedern ins Schwärmen und denken dabei an ihre Kindheit zurück,  in der sie sogar einmal in einer Schulaufführung oder Kinderweihnacht selber als Ochs oder Eseli mitgespielt und mitgesungen haben. Die tollen Erinnerungen bleiben, denn an den Inhalt und an den Text kann man sich meist nur vage erinnern.

 

Bei der Durchsicht des Librettos müssen wir auf diese drängende Frage nochmals  zurückkommen, weil  darin noch ein Zeitgeist weht, der unserer Ansicht nach ziemlich "in die Jahre" gekommen ist. Es kommen Formulierungen zum Vorschein, die unterdessen politisch absolut inkorrekt sind und unmöglich so gesagt werden dürfen. Was früher wohl aufrichtig und ohne böse Absicht verkündet wurde und nirgends (jedenfalls in der Schweiz) Anstoss erregte, ist heutzutage skandalös!  Auch Glaubenshaltungen werden unserer Ansicht nach in unserer Zeit liberaler ausgelegt. Deshalb empfinden wir damalige Aussagen eher als übertrieben, sehr fromm und leicht "volksdümmlich". Wir denken, dass Paul Burkhards Musik und seine Lieder (aber zum Teil (leider) mit geänderten Texten) zeitlos bleiben werden. Ob dem Libretto zukünftig das gleiche "Glück" beschieden ist, sei dahingestellt.

In diesem Spannungsfeld erarbeiten wir dieses Krippenspiel nun mit rund 20 jugendlichen und erwachsenen SchauspielerInnen und versuchen, die Geschichte mit deren Lebenswelt in Einklang zu bringen. So, dass die Zäller Wiehnacht auch heute noch das Publikum und die Akteure gleichermassen berühren kann.

Wie wir dieses Werk inszenieren

Da spricht uns Paul Burkhard aus dem Herzen, wenn er sagte, dass die Jugendlichen möglichst ihre Sprache in das Stück miteinbringen sollten. Nur hatte er als Schöpfer des Ganzen eine andere Ausgangssituation und konnte den Text aufgrund dieser Intention verfassen. Unsere Kinder und Jugendlichen formulieren sich unterdessen anders als vor 60 Jahren; die Sprache hat sich sehr gewandelt. Nun aber können wir jetzt den Originaltext nicht völlig umschreiben. Wir müssen uns damit begnügen, dass wir einzelne Aussagen und Wörter so deuten, dass das Stück auch bei heutigen Menschen die gewünschte Wirkung erzielen kann.

Bei der Inszenierung haben wir jedoch freie Hand und dürfen das Stück zeitgemäss umsetzen. Burkhards Idee, mit wenig Requisiten zu arbeiten und in möglichst einfachen Kostümen (bei Burkhard waren es Alltagskleider) aufzutreten, gefällt uns sehr. Leider sind die Alltagskleider heutzutage  so vielfältig, dass sie bereits als Kostüm wirken. So beschränken wir uns auf weisse und schwarze Kleider. Genial dünkt uns die Idee der beiden Kostümbildnerinnen, sparsam Accessoirs einzusetzen. Anfänglich verdrehten wir die Augen, als sie uns ihre Ideen präsentierten: alle  Sachen sind "glismed", also trägt der Herodes beispielsweise eine gestrickte Krone. Als uns dann die ersten Sachen von den "Grüeniger Lismifraue" gezeigt wurden, waren wir  hell begeistert: Symbolisch wird der Faden der überlieferten Weihnachtsgeschichte aufgenommen und weiter gesponnen.

Da wir uns gegen eine, unterdessen oft bei Inszenierungen der Zäller Wiehnacht zu sehende Kostümshow entschieden haben, richten wir unseren Blick mehr auf die Gestaltungsmöglichkeiten, die mit Bühnenbau, Licht und Ton gemacht werden können. Dazu möchten wir aber nichts verraten. Nur so viel sei gesagt: Sie als ZuschauerIn werden in die Geschichte eintauchen können. Versprochen!